Leonie Rettig - Klavier/Piano

 

Brief an einen Freund respektive Bericht aus China.

Hier kommt sie also. SIE! Die lange Spam-Email, die schon so manches Mal deinen E-Mail-Account-Speicherplatz in Bedrängnis brachte. Oder auch nicht. Jedenfalls waren sie lang. Laut deiner Aussage. Dabei kamen sie mir auf dem iPhone-Display nie so übermäßig lang vor- … ich drifte ab. Wo waren wir? Genau. Das fünf-vor-Zwölf-Resümee kommt pünktlich kurz vor Abreise, zurück, nach Hause.

Nun, kurz gesagt, mir geht’s gut, danke der Nachfrage. Hier ist es grau, dauergrau, und es riecht streng, besser gesagt: es stinkt- als hätte man gerade eine Ladung Raketen in einem geschlossenen Raum abgefeuert: der “Nachgeruch” wäre verheerend, du kannst es dir vorstellen. Aber so riecht es nun mal. Nach Abgasen und sonstigem Fahrengelassenem. Kein Wunder, wenn die Motoren nie abgeschaltet werden, auch wenn man irgendwo eine halbe Stunde steht. Zudem rückt Neujahr immer näher, ergo wird mehr und mehr von Raketen und Böllern gebrauch gemacht. Chinaböller heißen offensichtlich nicht umsonst “China”-böller. So laut wie deren Böller sind keine. An Neujahr muss es sich hier wohl so anhören wie in Hannover, Oktober 1943. Schlechter Vergleich, ich weiß. Wie dem auch sei, von Böllern verstehen sie was. So etwas wie Verkehrsregeln gibt es hier auch nicht, jeder fährt wo er kann, Fahrräder all over the place, man muss aufpassen, selbst wenn man grün hat, von allen Seiten her strömen sie, die verschiedensten Fortbewegungsmittel, egal welcher Größe, Farbe, Form, per pedes oder auf einem Lenkrad sitzend, es gibt immer eine Lücke, durch die man hindurchpasst und durch welche man auch sogleich schlüpft. Wie sagt man so schön: die Gelegenheit beim Schopfe packen! Bloß keine auslassen. Oberstes Gebot: Immer im Fluss bleiben. Und die Augen offen halten. Und wozu braucht man eigentlich einen Gehweg? Man hat doch Straßen, da ist Platz genug für alle. Also immer schön mitten auf der Straße laufen, inmitten eines ohrenbetäubenden Hupkonzerts, waghalsigen Ausweichmanövern und dich anstarrenden Chinesen. Ja, sie starren. Nein, sie gaffen! Sie gaffen mich an, als hätte ich nur ein Auge und zwei Nasen. Oder umgekehrt. Jedenfalls muss ich ziemlich seltsam aussehen, mit meinen zwei Beinen, zwei Armen, einem Kopf, Haaren, mit Jeans, Pulli, Mantel,… Hat ja sonst keiner, da bin ich schon was besonderes, das muss ich zugeben. Aber wir wollen jetzt nicht in selbstherrlichen Reden versinken. Ich wollte es ja nur mal nebenbei bemerken, am Rande weißt du, so einen Körper mit zwei Beinen, zwei Armen… wer hat das schon? Ach entschuldige, ich fange ja schon wieder an! Jedenfalls hat das positive und negative Seiten. Auf der einen kommen in Beijing im Imperial Palace gleich zwei mal junge Chinesen auf mich zu, wild gestikulierend,  “PHOTO, PHOTO!!!” und zerren mich vor die Kamera, mit stolz geschwellter Brust, Zeige- und Ringfinger in die Höh’ gestreckt, Smile! Und eh ich mich versah, hatten zwei glückliche junge Damen ein Foto von einer ganz verdatterten Ms. Glückelplöpp geschossen. Oder sie lächeln mich an, sagen “hello!”, gucken mir nach, kaufen mir nach etlichen missglückten Versuchen ein Ticket, oder beobachten mich beim Essen, und nein. Bei all dem fühle ich mich nicht wie ein zur Schau gestellter Ausserirdischer. Ganz und gar nicht, wieso auch. Auf der anderen Seite, … Nun eigentlich gibt es keine andere Seite. Augen zu und durch. Ich fragte mich schon des Öfteren warum dem so ist, fand aber keine Antwort. Vielleicht sieht man im Winter nicht viele Ausländer in China, ist ja auch sehr kalt, oder sie interessieren sich einfach für “das Andere”… Aber wie schrieb Fontane so schön: Ach, …, laß … das ist ein zu weites Feld. Bottom line, hier sind alle sehr nett, man verständigt sich mit Händen und Füßen- international language – Englisch? Wieso- wir können doch Chinesisch! Das Essen ist übrigens ein Gaumenschmaus. Dumplings, Noodles, Reis, Ei, seltsame Würstchen (in diversen Geschmacksrichtungen, wie z.B. Shrimp flavour, made in China), Sojamilch, Fleisch en masse in diversen Soßen etc. zum Frühstück. Und vieles mehr zum Mittagessen und Abendessen. Lecker lecker lecker! Dennoch, es geht doch nichts über eine Pasta, oder heimatliche Maultäschle, Spätzle mit Soß’ oder Zwiebelrostbraten. Mmhhh!

Der Unterricht ist sehr interessant, er arbeitet sehr detailliert. Tagesrhythmus: Seit gut 10 Tagen zwischen 5.30 und 8 Uhr morgens aufstehen, Kaffee, üben, Unterricht, üben, schlafen. Ach ja, und gegessen wird irgendwie, irgendwann, irgendwo, schnell, so zwischen Tür und Angel, bzw. in dem Fall zwischen üben und üben, nichts Neues also, alles wie beim Alten, man könnte fast sentimental werden: die Zeiten in Hannover, wie war das nochmal… Dauergrau-üben-Kaffee-üben-Kaffee-üben-schlafen und alles wieder von vorne. Ich wusste doch, an irgendetwas erinnert mich das ganze Procedere hier. Jedenfalls tat es gut, teilweise auch nicht, das lag dann aber eher daran, das es nicht immer angenehm ist, einen Spiegel vor die Nase gehalten zu bekommen und dann nicht ausweichen zu können. Was ich sah, gefiel mir nicht, es war jedoch nichts, was sich nicht ändern lässt. Also gehe ich voller Elan und neuem Mut zurück in den Alltag, der jetzt ganz anders ausfallen wird als noch vor zwei Wochen. Viel Arbeit wartet und ich möchte sie endlich leisten. Fazit: mission accomplished. Sie wachte endlich auf. Zwar nicht durch einen Kuss irgendeines dahergelaufenen Prinzen, aber was soll’s. Man kann ja nicht alles haben!

Alles in allem also ein erfolgreicher Ausflug in ein schönes, interessantes, großes Land. Um eine Erfahrung reicher und viele Schritte weiter. Am Mittwoch geht’s zurück, ach wie ich mich freue! Ihr fehlt mir und!: (ich werd’s nur einmal schreiben und dann nie wieder, vermutlich schreib ich’s auch nur ob der übermannenden (oder schreibt man jetzt heute überfrauenden??) Müdigkeit, sie benebelt mein Gehirn und lässt meine Finger seltsame Dinge zu virtuellem Papier bringen) irgendwie fehlt mir auch Hannover. Ein wenig nur. Ein klitzekleines Bisschen. SO. Jetzt ist es raus. Da fühlt man sich doch gleich besser!

Also, ich hoffe dir geht’s so blendend wie mir und in Italien ist es ein kleinwenig wärmer als die -10 Grad hier. Erzähl doch mal!

Bis bald und liebe Grüße

Gez. P.G. a.k.a. L.R.

(2012)

19. 04. 2019

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